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Lines

Es ist komisch, oft sagen wir, wir haben einen Trail komplett befahren, wenn wir die offensichtlichen Schlüsselstellen geknackt haben. Dass man vielleicht ein paar Felsen herunter getragen hat, zählt nicht oder wird einfach im Hype vergessen. Man ist eben alles gefahren und in Klammern: bis auf die unfahrbaren Stellen.

Und so kann es kommen, dass man ein paar Jahre später zu einem Trail zurückkehrt, der plötzlich eine Stelle mehr hat. Eine ehemals unfahrbare, in der man plötzlich doch eine Line sieht, ist zur neuen Stelle mutiert. So einfach und lässig ist das im Vertriderversum, nicht nur müssen wir unsere Trails nicht selber bauen, weil es sie ja schon gibt, es kommen sogar noch regelmässig neue Stellen dazu.

Gerade vor kurzem ist mir das wieder passiert. Am Piz da Perez am Rande der Dolomiten, war ich mit der Befahrung des „Canyons“ vor zwei Jahren so richtig zufrieden heimgefahren. Für mich galt der Trail damit als befahren. Nun stieg ich über die steile unfahrbare Felspassage hinauf, schaute zurück und dachte, verdammt, nicht völlig unmöglich, könnte gehen. Also wieder etwas offen.

Das Gelände wird etwas unübersichtlich, der gut markierte, schottrige Trail wird kurz von einem Felsband unterbrochen, und es gibt nun mehrere Möglichkeiten. Eigentlich genau drei. Ich laufe aufgeregt hin und her, jede Variante hat ihre Stärken und Schwächen, ihre Reize und Problemzonen. Eine ist eher kurz und knackig, die andere über einen längeren Weg schwierig. Ich entscheide mich für die langwierige. Vom Trail muss man vorzeitig links leicht herauf in die Felsen queren, mit Schwung auf den Scheitelpunkt und etwas blind direkt ins Steile lenken. Diese hakelige Anfahrt ist nicht gerade mein Schokoladen-Move, eine komplexe Abfolge der Gewichtsverlagerung, vor, zurück, vor, zurück. Ich brauche ein paar Versuche, bis ich überhaupt halbwegs positioniert in die Stelle reinfahren kann. Aber dann geht’s in einem Guss. Einlenken, auf den Bremsen stehen, die Stufen fixieren, rund fahren, aber nie die Bremsen auslassen. Ein kurzer Auslauf, und man rollt mit großen Augen wieder auf dem schmalen Schotterweg.

Eine kleine Terrasse im Felsband erlaubt eine Verschnaufpause, aber ich habe zu viel Pulver verschossen und verstottere mich an der Anfahrt zur nächsten Felsstufe. Dann wird das Ganze halt ein Stück in zwei Akten, denke ich und gönne mir einen Augenblick zum Sammeln. Der zweite Teil ist grundsätzlich anders gelagert. Ein knackiger steiler Drop-in auf einen relativ ebenen Stein, der eine regelrechte Bremsplatte abgibt, auf der man anständig in die Eisen gehen kann, aber auch unbedingt sollte. Es folgt recht zügig eine scharfe Rechtskehre, die es zu treffen gilt. Wenn das Vorderrad dann tatsächlich um Kurve lugt, schaut es zwar zuerst noch etwas grob und grimmig aus, aber wenn man etwas darüber hinweg blickt, sieht man direkt in die Wand eines fabelhaften Anliegers. Mit anderen Worten, genug der Bremszauberei und ich kann mich mit gutem Gewissen und Gas in den Anlieger pressen lassen.

Unten lege ich mein Bike zur Seite und kann es noch kaum fassen, eine neue Stelle vor kurzem erst entdeckt und schon wieder das Geheimnis gelüftet. Den Berg wieder ein Stück kompletter befahren. Und unglaublich zufrieden trage ich mein Bike über die folgende, wirklich unfahrbare Stelle herunter. Naja vielleicht geht’s doch irgendwie? Nein, die braucht noch Zeit. Ich werde auf jeden Fall wieder vorbeischauen.

Euer Axel.